Vorweg, weil das Thema schnell polemisch wird: WordPress ist kein schlechtes CMS. Es hat eine der aktivsten Entwickler-Communities weltweit und betreibt über zwei Fünftel aller Websites. Dafür gibt es nach wie vor gute Gründe.
Trotzdem nehme ich seit zwei Jahren keine reinen WordPress-Projekte mehr an — und das ist keine Glaubensfrage, sondern eine Bilanz-Entscheidung. Dieser Artikel fasst zusammen, was ich aus über 100 WordPress-Wartungsverträgen und Dutzenden Stack-Migrationen gelernt habe.
Die Marktlage 2026
43,6 %
Marktanteil WordPress weltweit
W3Techs · April 2026
16,3 %
Marktanteil aller JS-Frameworks zusammen
HTTP Archive · Q1 2026
97
Median Lighthouse-Score Next.js-Sites
HTTP Archive Web Vitals
68
Median Lighthouse-Score WordPress-Sites
HTTP Archive Web Vitals
WordPress hat im April 2026 laut W3Techs einen Marktanteil von 43,6 % aller Websites mit erkennbarem CMS. Die Zahl ist beeindruckend — und gleichzeitig irreführend. Sie vermischt alles: das 2012 aufgesetzte Handwerker-Blog, den professionell gewarteten Online-Shop, die verwaiste Vereins-Seite mit ungepatchten Plugins. Wer in diesem Datensatz steckt, sagt wenig darüber, was 2026 für ein neues Projekt richtig ist.
Der eigentlich interessante Trend: Zum ersten Mal seit einer Dekade stagniert der Marktanteil — bei gleichzeitigem Wachstum moderner Frameworks. Laut HTTP Archive sind Astro, Next.js, Nuxt, Remix und SvelteKit im Frontend-Feld von 2024 bis Anfang 2026 zusammen auf einen Anteil von über 16 % gewachsen. Der Zuwachs kommt fast ausschließlich aus Neuprojekten und Relaunches.
Performance — der offensichtlichste Unterschied
Die folgende Auswertung basiert auf Core Web Vitals-Daten aus HTTP Archive vom ersten Quartal 2026, gekreuzt mit Technology-Detection. Es sind Medianwerte — einzelne Websites können besser oder schlechter performen.
Was die Zahl nicht zeigt: Eine typische WordPress-Seite kommt mit 70–80 Lighthouse-Score aus dem Karton. Um auf 95+ zu kommen, braucht sie Caching-Plugins, Image-Optimierung, CDN-Anbindung, Lazy-Loading-Config — jede dieser Ebenen ist eine weitere Abhängigkeit. Eine statische Next.js-Seite liefert 95–100 out of the box, ohne Plugins, ohne Caching-Konfiguration, weil das HTML zum Build-Zeitpunkt erzeugt und direkt vom CDN ausgeliefert wird.
Die Total-Cost-Frage — wo das echte Geld steckt
Die Setup-Kosten sind nur die Spitze des Eisbergs. Was über 5 Jahre wirklich zu Buche schlägt: Plugin-Lizenzen, Wartung, Notfall-Rettungen, Performance-Optimierung, Security-Audits. Die folgenden Zahlen stammen aus einer Auswertung von 14 Kundenprojekten, die zwischen 2019 und 2025 zwei Architekturen durchlaufen haben (teils WP → Next.js, teils umgekehrt).
Im Schnitt zahlt ein Kunde für eine WordPress-Business-Website über 5 Jahre rund 10 000 – 13 000 €. Eine vergleichbare Next.js-Seite mit Headless-CMS liegt bei 5 500 – 6 500 €. Die Differenz ergibt sich nicht aus der Erstellung — die ist bei Next.js oft 20–40 % teurer — sondern aus:
- Plugin-Abo-Lizenzen: 5 Premium-Plugins à 50–200 €/Jahr = 250–1 000 €/Jahr
- Wartung & Updates: WP typischerweise 3× pro Jahr à 2–4 h = 6–12 Arbeitsstunden/Jahr
- Notfall-Rettungen: bei WP ~1× alle 18 Monate (Plugin-Konflikte, PHP-Upgrades)
- Performance-Plugins und -Konfigs: rund 200–400 € einmalig für Caching + CDN-Setup
Security — das unbequeme Kapitel
Der Security-Bericht der Patchstack-Datenbank 2025 listet über 4 700 dokumentierte Sicherheitslücken im WordPress-Ökosystem allein für 2024. Der überwiegende Anteil betrifft Plugins, nicht den Core selbst. Die Angriffsfläche einer durchschnittlichen WordPress-Installation ist damit strukturell größer als die einer statischen Seite, die gar keinen serverseitigen Code ausführt.
- WordPress: PHP läuft live, Datenbank ist ansprechbar,
/wp-admin/ist öffentlich erreichbar. Jedes veraltete Plugin ist ein Einfallstor. - Next.js SSG: Ausgeliefert wird vorgeneriertes HTML + statische Assets. Keine Datenbank, kein Admin-Backend, keine PHP-Ausführung im Produktiv-Traffic. Brute-Force oder SQL-Injection laufen ins Leere.
Das heißt nicht, dass Next.js per se sicher ist — Server-Actions und API-Routes sind Angriffsflächen. Aber die Grundfläche ist signifikant kleiner, und für klassische Business-Websites ohne dynamische Features reicht SSG völlig aus.
Wartung: Die tägliche Realität
Hier die konkreten Wartungs-Profile aus unseren Bestandskundenverträgen (Durchschnittswerte):
| Metrik | WordPress | Next.js + Headless-CMS |
|---|---|---|
| Updates pro Jahr | 6–12 (Plugin + Core) | 1–2 (Framework) |
| Notfall-Einsätze pro Jahr | 0,6 (Plugin-Kompatibilität) | 0,1 (meist externe APIs) |
| Zeitaufwand pro Update | 30–90 Min. | 15–40 Min. |
| Rollback-Risiko | Mittel (DB-Schema-Änderungen) | Gering (Deployment-basiert) |
| Editoren-Einarbeitung | 2–4 Std. | 1–2 Std. |
Ein Update ist bei Next.js im Grundsatz ein deploy-kontrollierter Vorgang: Code aktualisieren, Testumgebung bauen, prüfen, produktiv deployen. Bei WordPress heißt „Update" oft: auf den blauen Button klicken und hoffen. Das funktioniert die meiste Zeit — aber nicht zuverlässig genug, um es in geschäftskritische Prozesse einzubauen.
Wann WordPress doch die richtige Wahl ist
Ich will nicht pauschal wirken — es gibt klare Fälle, in denen WordPress auch 2026 noch richtig ist:
1. Etablierter WooCommerce-Shop mit viel Individual-Logik
Wenn dein Shop um ein halbes Dutzend WooCommerce-Plugins herum aufgebaut ist (Subscription-Billing, individuelle Versandlogik, komplexes Produkt-Bundling), ist der Umstieg auf Shopify oder Shopware oft unverhältnismäßig teuer. Weitermachen, sauber pflegen, Performance-Layer drüber.
2. Großes Magazin mit ≥10 Redakteur:innen
WordPress hat für klassisches Publishing weiterhin gute Werkzeuge: Rollen-/Rechte-Management, Redaktionskalender, etablierte Workflows. Headless-CMS holen hier auf, aber die Umstellung ist ein Change-Management-Projekt, kein Technik-Projekt.
3. Budget unter 2 500 € und du machst alles selbst
Bei absolutem Minimalbudget ist ein gutes WordPress-Theme plus Page-Builder (Elementor, Bricks) die beste Preis-Leistung. Mit dem Wissen, dass der Betrieb nicht gratis ist.
In allen anderen Fällen — und das sind rund 80 % der Anfragen, die bei mir landen — ist eine moderne, statisch generierte Architektur die bessere Wahl. Auch bei 20–30 % höheren Setup-Kosten.
Migration: Wenn du umziehen willst
Wenn du gerade an dem Punkt bist, an dem WordPress mehr Probleme macht als es löst, hier das typische Migrations-Vorgehen:
Phase 1 — Audit (1 Woche)
- Alle aktiven Plugins inventarisieren, Abhängigkeiten mappen
- Content-Inventar erstellen (Seiten, Posts, Medien, Custom Post Types)
- SEO-Snapshot: aktuelle Rankings, interne Linkstruktur, Schema-Markup
- Tool-Integrationen dokumentieren (Formulare, Newsletter, Shop)
Phase 2 — Architektur-Entscheidung (2–3 Tage)
- Headless WP: WordPress bleibt CMS, Frontend wird Next.js. Einstieg ins neue Ökosystem ohne Content-Migration. Ideal bei großem Redaktions-Team.
- Full-Stack-Migration: Content wird in Markdown/MDX oder modernes CMS (Sanity, Storyblok, Payload) migriert. Ideal für überschaubare Sites mit < 100 Seiten.
Phase 3 — Neubau (3–6 Wochen)
Frontend auf Next.js, Content-Migration, Design-Refresh, SEO-Parität.
Phase 4 — Cutover (1 Tag)
- Alle alten URLs → neue URLs per 301-Redirect
- XML-Sitemap neu in Search Console
- DNS-Umstellung außerhalb der Peak-Hours
Nach unserer Erfahrung sind Rankings in 2–8 Wochen mindestens stabil, meist besser, weil Performance und CWV sich deutlich verbessern.
Mein Fazit aus 234 Projekten
Wer 2026 eine neue Business-Website plant und keine speziellen Shop- oder Redaktions-Anforderungen hat, sollte sich mindestens eine Alternative zu WordPress anschauen. Das sind im Kern drei Optionen:
- Next.js (React-basiert, größte Community, ideal für komplexere Features)
- Astro (einfacher einzusteigen, mehrsprachig + statisch stark)
- SvelteKit (schlanker, schnell, wenn du ein kleineres Team hast)
WordPress ist kein Fehler — aber es ist nicht mehr die automatische Standard-Antwort. Die Frage ist nicht „WordPress oder nicht?", sondern: „Welcher Stack passt zu meinem konkreten Projekt — jetzt und in 5 Jahren?"
Wenn du die Antwort darauf nicht selbst geben kannst: dafür gibt es den kostenlosen 30-Min-Website-Check. Ich bin kein Missionar für einen bestimmten Stack — ich sage dir, was zu deinem Budget und deinem Use-Case passt.
Häufige Fragen
Ist WordPress tot?
Kann ich eine bestehende WordPress-Seite auf Next.js umziehen?
Ist Next.js auch für nicht-technische Kunden pflegbar?
Was ist mit SEO — bleiben Rankings nach dem Umstieg erhalten?
Was kostet der Umstieg konkret?
Kann Next.js auch ohne JavaScript im Browser funktionieren?
Quellen & weiterführende Links
- Usage statistics of content management systems — W3Techs
- HTTP Archive — State of the Web Report — HTTP Archive
- Core Web Vitals Technology Report — HTTP Archive
- WordPress security vulnerabilities database — WPScan by Automattic
- Web Framework Rankings 2026 — Stack Overflow Developer Survey 2025
Sebastian Gawlita
Webdesigner · Frontend-Engineer
Ich habe zwischen 2017 und 2023 über 100 WordPress-Projekte betreut. Seit 2024 baue ich nur noch auf modernen Stacks. Dieser Artikel fasst zusammen, warum — mit konkreten Zahlen statt Marketing-Geblubber.